Eine Zeit sich zu erinnern

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Aus: Neue Gedichte (1907)

Rainer Maria Rilke

Das Gedicht und ein ganzes Buch mit Gedichten (kennt ihr noch diese chinesischen roten Bücher, die man früher in jedem Ökoladen kaufen konnte?) hat mir mal ein Mann mit grüner Tinte aufgeschrieben. Ich bin noch heute sehr beeindruckt, wenn ich an ihn denke. Er war nicht schön, aber seine Seele war die schönste, die ich je kennen gelernt habe. Er hat mich immer an den Schauspieler Christoph Eichhorn in dem Film „Der Zauberberg“ (nach dem Buch von Thomas Mann) erinnert. Tatsächlich hat er auch manchmal Blut gehustet, was er aber nie gesagt hat, sondern ich habe das nur durch einem Freund von ihm erfahren. Wir waren damals eine Gruppe Leute, die sich abends getroffen hat und wir haben uns tatsächlich meistens unterhalten über das Leben und das Erwachsen werden. Und manchmal haben wir auch einfach nur geschwiegen und Musik gehört. Im Alter von sechzehn bin ich natürlich total auf den Mann abgefahren, der in meinen Augen mehr als nur erwachsen war, sondern geradezu weise. Und ein Poet. Und deshalb fühlte ich mich natürlich unheimlich geschmeichelt, als er sich für mich interessiert hat. Er war nicht aufdringlich und zufrieden damit stundenlang Händchen zu halten. Ich glaube, wir haben uns nicht einmal geküsst, wenn ich mal ganz scharf nachdenke. Er sagte immer, ich sei so etwas wie seine Muse und damit unantastbar (okay, habe damals noch nichts über die Musen von Picasso und Co gewusst). Natürlich hat er auch selber Gedichte geschrieben.

Doch irgendwann war die Zeit gekommen, wo ich mehr als das brauchte. Ich meine Spaß- laute Musik – und lachende statt ernste Leute um mich herum.

Ich habe nie erfahren, wie es ihm ergangen ist oder ob er überhaupt noch lebt. Das rote Buch habe ich aufbewahrt, bis es durch unerklärliche Gründe verloren gegangen ist (das war wahrscheinlich so vorbestimmt).

Heute möchte ich glauben, dass er sich hat behandeln lassen, ein großer Dichter geworden ist, die Frau fürs Leben gefunden hat und mittlerweile in Japan lebt und Kirschbäume in seinem Garten blühen.

Seltsam ich weiß nicht mal seinen Nachnamen, wenn ich jetzt darüber nachdenke. Aber das rote Buch und dieses Gedicht von Rilke werde ich immer in meinem Herzen tragen und ab und an den Mann denken, der ein Poet war und mich wundern, dass ich das Glück hatte, ihm in meinem Leben begegnen zu dürfen.

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